Wüstenbussard Gonzo sitzt auf dem Lederhandschuh von Falkner Leo Mandlsperger (74), als sie das kleine Wäldchen an der Böhmerwaldstraße betreten. Er schlägt kurz mit den Flügeln, man hört das erste Krächzen. Der Feind wurde entdeckt! In Sekunden bricht ein infernalischer Lärm los, hunderte Krähen krächzen und fliegen auf. Als Gonzo seine erste gemächliche Runde dreht und sich auf einem Ast niederlässt, ist bei den Krähen Alarm und Wegflug. Das ist das Ziel von Gonzo und Leo: Krähen aufscheuchen, wegjagen, „vergrämen“.
Krähen standen vor 30 Jahren auf der roten Liste, in einigen Bundesländern sind sie es heute noch. Durch den extremen Naturschutz haben sie sich jedoch enorm vermehrt, sind in vielen Gegenden, vor allem Städten, eine enorme Plage geworden. Während Rabenkrähen (schwarzer Schnabel) von Juli bis März geschossen werden dürfen, scheidet das bei der Saatkrähe (grauer Schnabel) aus. Um sie zu „vergrämen“ gibt es nur eine wirkungsvolle Methode: Greifvögel.
Krähenkolonien sind in Eching seit 15 Jahren ein Ärgernis für die Anwohner. Die Beschwerden im Rathaus sind „massiv“, berichtet Claudia Tischner von de Gemeindeverwaltung. Neben der Lärmbelastung durch das intensive Krächzen hinterlassen die Vögel Exkremente auf Balkonen, in Gärten und Parkbänken. 176 Nester hat man im Gemeindegebiet gezählt, die größten Kolonien siedeln in der Böhmerwaldstraße, rund ums Bürgerhaus und in der Danzigerstraße. Vor zehn Jahren wollte Eching die Krähen schon vertreiben, die Bezirksregierung hielt den Lärm und Dreck aber für „vertretbar“. Die Gemeinde solle eben Parkbänke versetzen, die Bewohner Netze über ihre Balkone spannen. „Weil man damals nichts getan hat, haben sich die Krähen deutlich vermehrt – jetzt ist es umso schwerer, sie umzusiedeln“, sagt Falkner Mandslperger.
Noch viel schlimmer ist die Situation in Erding. Hier gab es bei der letzten Zählung mit gut 1.500 Nestern mit die größte Saatkrähenpopulation in ganz Bayern. Der Stadtpark ist für Menschen annähernd unbenutzbar durch die kotenden und krächzenden Tiere.
Vieles haben betroffene Gemeinden versucht: Nester entfernen, Eier aus den Nestern holen, schwarze Flaggen, Lärm, Drohnen mit Lautsprechern, manche haben die Nester von der Feuerwehr aus den Bäumen spritzen lassen. Alles ohne Erfolg. „Das ist sinnloses Verschwenden von Steuergeldern“, schimpft Falkner Mandlsperger. Aus seiner Sicht und 15-jährigen Erfahrung helfen gegen Krähen nur Greifvögel. Dazu wurden zunächst während des Winters viele Nester entfernt, seit Anfang Februar ist der Falkner mit seinem achtjährigen Wüstenbussard Gonzo jeden Tag in Eching mehrfach unterwegs. „Die Krähen haben panische Angst vor einem Bussard oder Habicht. Unser Ziel ist es, dass sie ihre Nester außerhalb der Gemeinde bauen – da, wo sie hingehören“, sagt Mandlsperger. Er ist seit seinem zehnten Lebensjahr Falkner. „Begonnen habe ich mit einem Turmfalken, das Wissen dazu, wie man den korrekt hält, habe ich mir alles angelesen“, berichtet Mandlsperger. Es folgten Bussarde, Habichte und Großfalken. Er züchtet selbst Greifvögel und bildet sie aus. Vor 15 Jahren begann er mit seiner ersten Vergrämung, mittlerweile hat er dies in vielen Gemeinden erfolgreich gemacht.
„Der Gonzo ist nur ein Wächter, der fliegt ein paar Mal auf und ab und vertreibt die Krähen so. Sollten sie sich an ihn gewöhnen, habe ich auch aggressivere Tiere, die gezielt Jagd auf einzelne Krähen machen und diese manchmal schlagen – das vertreibt sie dann sicher“, sagt Mandslperger. Wüstenbussard Gonzo ist total friedlich, wurde vom Falkner von Hand aufgezogen, „der darf nicht aggressiv sein gegen Hunde oder Katzen, die gibt es doch überall. Und natürlich ist er ganz brav gegen Menschen, ich mache auch immer Führungen für Schul- und Kindergartenkinder.“ Nur auf Krähen geht er gerne los. Um den Vergrämungs-Effekt dauerhaft zu sichern, müssen die Greifvögel zwei bis drei Jahre in Folge zum Einsatz kommen. Jedes Jahr immer von Februar bis Ende März, bevor sie Nester bauen, täglich mehrfach. Das Ziel ist, dass die Krähen ihre Nester im Umland der Gemeinden bauen – dort sind sie dann oft eine Plage für die Landwirte.